Training in der Academia TWS Lucha Libre in Cancún

Wir haben die Academia TWS Lucha Libre in Cancún besucht und dort an zwei aufeinanderfolgenden Einheiten teilgenommen: einem Privattraining in kleiner Gruppe und im Anschluss einer regulären Trainingseinheit der Schule. Im Folgenden ein Bericht über die Inhalte sowie eine kurze Einordnung, was la lucha libre eigentlich ist.


Die Schule gehört zur Promotora TWS (Total Wrestling Stars) Cancún unter der Leitung des Promoters Luis Novelo. Eröffnet wurde sie im April 2022 mit einer ersten Einführungsklasse unter Beteiligung des Luchadors „Séptimo Dragón" und des Trainers „Ángelus". (Cancun Mio) Im Juni 2023 folgte die Einweihung als erste kommunale Lucha-Libre-Akademie der Stadt, getragen vom Instituto del Deporte des Municipio Benito Juárez – mit dem erklärten Ziel, ein semillero de talentos, eine Talentschmiede für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, aufzubauen. (Galu Noticias)

Die Academia liegt an der Avenida José López Portillo, fast an der Ecke zur Avenida Chac Mool, auf Höhe der Supermanzana 100. (Galu Noticias) Damit befindet sie sich nicht in der Zona Hotelera, sondern im Stadtgebiet von Cancún – ein normales Wohn- und Geschäftsviertel abseits der touristischen Strandzone. Per Taxi oder Colectivo ist der Weg von der Hotelzone aus unkompliziert, zu Fuß nicht.

Neben dem Training finden im selben Ring auch Veranstaltungen statt: die funciones am Mittwochabend um 20:00 Uhr (Wanderlog) , ein wöchentliches Format, das die TWS im August 2024 gestartet hat. (Diario CAMBIO22) Wer die Schule ohnehin besucht, sollte den Termin einplanen – Training und Show ergeben zusammen ein deutlich vollständigeres Bild. Aktuelle Trainingszeiten und Preise lassen sich am besten direkt über die Kanäle der Academia erfragen, da sich die Zeitpläne saisonal ändern.

Lucha Libre ist die mexikanische Ausprägung des professionellen Wrestlings. Die Ursprünge liegen in den 1930er Jahren: 1933 gründete Salvador Lutteroth die Empresa Mexicana de Lucha Libre, aus der die heutige CMLL (Consejo Mundial de Lucha Libre) hervorging – die älteste noch aktive Wrestling-Liga der Welt. Mit der AAA existiert seit 1992 eine zweite große Promotion, daneben eine breite unabhängige Szene. Gekämpft wird in arenas, die bekanntesten sind die Arena México und die Arena Coliseo in Mexiko-Stadt. Umgangssprachlich wird der Sport in Mexiko auch el pancracio genannt.

Charakteristisch sind mehrere Merkmale:


Die Maske (la máscara). Sie ist mehr als Kostüm, sie definiert die Identität des luchador bzw. der luchadora. Der Verlust der Maske ist entsprechend gravierend. In einer lucha de apuestas, einem Wettkampf mit Einsatz, steht máscara contra máscara oder máscara contra cabellera – der Verlierer wird demaskiert oder geschoren. Enmascarados wie El Santo, Blue Demon oder Mil Máscaras haben diese Tradition über Jahrzehnte geprägt.


Der Kampfstil. Im Vergleich zum US-amerikanischen Wrestling ist Lucha Libre schneller, akrobatischer und bodenorientierter in der Griffarbeit. Typisch sind lange Sequenzen aus llaves und contrallaves (Griffe und Konter), tijeras (Scherengriffe), Rolldurchgänge sowie lances aéreos – Flugelemente wie der tope oder die plancha, häufig über die cuerdas aus dem Ring heraus.


Der Aufbau. Traditionell werden Kämpfe a dos de tres caídas ausgetragen, also im Modus zwei von drei Durchgängen; entschieden wird in der tercera caída. Sehr verbreitet sind luchas de tríos mit drei gegen drei. Die Rollenverteilung erfolgt über técnicos (die regelkonformen Publikumslieblinge) und rudos (die Regelbrecher). Dazu kommen eigene Kategorien wie die minis und die exóticos. (Wanderlog) Ein Kampf endet durch Schultersieg, durch rendición (Aufgabe) oder durch Disqualifikation des réferi.


Lucha Libre ist damit sportlich anspruchsvoll und zugleich eine Erzählform. Beides wird auch im Training gleichermaßen vermittelt.

Der erste Teil fand in kleiner Gruppe statt, mit entsprechend viel individueller Korrektur durch den entrenador. Nach calentamiento und acondicionamiento físico standen drei Schwerpunkte an:


Fallschule (aprender a caer). Der mit Abstand größte Anteil der Einheit. Fallen ist im Wrestling keine Nebensache, sondern die Grundlage von allem Weiteren – wer nicht sicher landet, kann nichts anderes trainieren. Geübt wurden Rückwärts-, Seitwärts- und Vorwärtsfälle, Rollen sowie das Abschlagen mit Unterarmen und Handflächen, um den Aufprall über eine möglichst große Fläche zu verteilen. Wichtig dabei: Kinn zur Brust, Nacken stabil, Ausatmen im Moment des Aufkommens. Die lona, die Ringmatte, dämpft weniger, als es von außen aussieht.


Arbeit in den Ringseilen (las cuerdas). Grundlagen des Anlaufens und Abstoßens: wie man in die Seile geht, wo der Körper das Seil trifft, wie man den rebote nutzt, statt gegen ihn zu arbeiten. Dazu Laufwege, Rhythmus und die Abstimmung mit dem compañero. Diese Basisarbeit wirkt unspektakulär, entscheidet aber über Tempo und Sicherheit im gesamten Ablauf.


Takedowns und Submissions (derribos y llaves de rendición). Im dritten Block ging es um das Zubodenbringen des Partners und um Aufgabegriffe wie candados und Hebel. Der Fokus lag auf sauberer Ausführung und kontrollierter Krafteinwirkung: Beide Seiten müssen jederzeit wissen, was passiert, und der ausführende Part trägt die Verantwortung für die Unversehrtheit des Gegenübers. Aus der Griffarbeit ergeben sich zugleich die für Lucha Libre typischen Übergänge und Kontersequenzen.


Im Anschluss haben wir am regulären entrenamiento der Schule teilgenommen. Der Unterschied zum Privattraining liegt weniger im Inhalt als im Tempo und in der Gruppendynamik: mehr Wiederholungen, weniger Erklärung, höhere Intensität. Konditionsanteile, Wiederholung der Grundlagen und Arbeit mit wechselnden Partnern prägten die Einheit. Bemerkenswert ist die Bandbreite der Teilnehmer – die Academia ist als kommunales Projekt angelegt und entsprechend gemischt besetzt, vom Jugendlichen bis zum aktiven Luchador der TWS. Für Einsteiger ist die Kombination aus beiden Formaten sinnvoll: Die Technik wird zuerst im geschützten Rahmen aufgebaut und danach unter realistischeren Bedingungen abgerufen.


Der Besuch macht deutlich, wie viel körperliche Grundlagenarbeit hinter dem steckt, was später als Show wahrgenommen wird. Der Großteil der Trainingszeit entfällt auf Fallen, Laufen und Positionierung – also auf genau die Elemente, die im fertigen Kampf niemandem auffallen sollen. Wer Lucha Libre bisher nur als Zuschauer kennt, bekommt hier einen sehr direkten Eindruck vom handwerklichen Fundament.


Empfehlenswert ist der Besuch für alle, die Kampfsporterfahrung mitbringen oder unabhängig davon Interesse an der mexikanischen Wrestling-Kultur haben. Grundlegende Fitness und die Bereitschaft, viel zu fallen, sollte man mitbringen. Wer ohnehin in Cancún ist, findet hier eine Seite der Stadt, die außerhalb der Hotelzone liegt und wenig mit dem üblichen Urlaubsprogramm zu tun hat.